LITERATUR » Asta Scheib


Asta Scheib
Schriftstellerin

Bedeutung der Literatur für junge Menschen

Ich lese häufig - und sehr gern - an Schulen. Meist sitzen vor mir Schüler der Deutsch-Leistungskurse, die schon 18, 19 Jahre alt sind. Manchmal habe ich auch jüngere Schüler, manchmal ist das junge Publikum gemischt. Es ist gar nicht so selten, dass ich bei meinen Zuhörern erst einmal gewisse Barrieren überwinden muss. Junge Frauen stricken demonstrativ, junge Männer schauen zum Fenster hinaus und gähnen, scharren mit den Füßen. Kein Zweifel, sie könnten sehr gut ohne meine Lesung existieren. Manchmal sagen nervöse Lehrer mir schon vorher, dass die Klasse oder die Klassen - ich habe oftmals über hundert Zuhörer beisammen - schwierig seien, leider an Literatur nicht oder wenig interessiert. Okay. Rede ich also von etwas anderem. Beispielswiese, dass ich über den Journalismus zum Schreiben von Romanen und Drehbüchern gekommen bin.

„Aha - und wie lief das, haben Sie das bereut?“ Ich erzähle, habe schon ein paar Zuhörer gewonnen. Der immer noch strickenden jungen Frau sage ich milde, dass ich hier bin, um meine Arbeit zu machen und dass sie mich durch ihre Strickerei dabei störe. Das will sie dann doch nicht und steckt das Strickzeug weg. Ganz nebenbei erwähne ich, dass es wahrscheinlich zu keiner Zeit so wichtig gewesen sei, sich in der Sprache nicht nur oberflächlich auszukennen, sondern ziemlich genau. „Ach nee - und warum? Vielleicht will ich doch gar nichts mit Sprache machen?“ Sie müssen aber, sage ich, und zwar jeden Tag, was auch immer Sie tun. Sie müssen das Kauderwelsch der Politiker durchschauen lernen, die für einschneidende Maßnahmen, die alle betreffen, so lange harmlos klingende Verniedlichungen gebrauchen, bis wir es nicht mehr merken. Sie müssen Verträge mit Banken, Arbeitgebern, Vermietern, Leasingfirmen etc. richtig lesen können, um nicht auf eloquente Art betrogen zu werden.

Hier spüre ich dann schon mehr Interesse. Sich für dumm verkaufen lassen - das möchte keiner. Ich kann Beispiele nennen, von den Schülern kommen eigene Erfahrungen und irgendwann kann ich dann differenzieren zwischen der Sprache im Alltag, die für die praktischen, eher oberflächlichen Dinge zuständig ist und der anderen Sprache, der Sprache, die tiefer geht, die für unser seelisches Befinden Ausdruck findet, die Sprache der P oe sie. Die Sprache der Kunst. Ohne die Kunst ist alles Lumperei, sagt ein altes Sprichwort, und ich sage, dass ein junger Mensch, der sich nicht für die Künste interessiert, sich einen wichtigen Lebensbereich, vielleicht den wichtigsten, für immer versperrt. Das trifft im Besonderen für die Literatur zu, die in Augenblicken der höchsten Freude, aber auch in Situationen der Not und des Leidens uns hilfreich zur Seite stehen kann.

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