THEATER » Dieter Dorn


Dieter Dorn
Bayerischer Staats-intendant

Ob es Schauspieler, Regisseure und überhaupt das Theatervolk gäbe, wenn wir nicht schon als Kinder fasziniert gewesen wären davon, dass Menschen sich auf eine Bühne stellen und einander etwas vorspielen? Der wirkliche Mensch als Spielender ist noch immer unverzichtbar, kein Bild kann seine Präsenz ersetzen. Die Erfahrung, dass auch ein stummes Gegenüber einwirkt auf eine Darstellung, dass Ergriffenheit oder Ablehnung des Publikums Einfluss auf den Akteur auf der Bühne haben, gehört zu den Wertvollsten, die Theater bieten kann. Auch, dass ein Publikum zwar aus Einzelnen besteht, aber immer eine Gemeinschaft bildet, miteinander und mit dem auf der Bühne, auch wenn man einander manchmal nicht versteht. Keine Kunstform kann so gut zeigen wie das Theater, dass Kunst dazu da ist, Gemeinschaft zu stiften. Theater ist aber auch ein Experimentierfeld , in dem wir ausprobieren könnten, wie wir miteinander umgehen. Theaterstücke stellen sich dieser Aufgabe, indem sie Dialoge zwischen Menschen entwerfen:

 

Wie reagiert eine Figur in einer bestimmten Situation? Was sagt das über ihre Geschichte, ihren Charakter? Wie lassen sich Absichten formulieren und Ziele verfolgen? Wer in eine Rolle geschlüpft ist und sie ganz verstanden hat, der hat auch einiges von dem verstanden, was wir voneinander wollen und wie wir versuchen, es zu bekommen. Theater bedeutet Auseinandersetzung mit den anderen, und von diesen Auseinandersetzungen auf der Bühne können wir lernen, dass auch die in unserem wirklichen Leben oft weniger spontan und zufällig sind, als wir denken.

Wer versucht, einen Theaterdialog zu entschlüsseln und zu sprechen, bekommt sehr leicht ein Gefühl für die Macht und die Möglichkeiten der Sprache. Sicher kann man behaupten, dass es auch in „Kabale und Liebe“ um nichts anderes geht als in einer Vorabendserie; um Menschen, die versuchen, zusammenzukommen, und das aus verschiedenen Gründen nicht schaffen. Doch gibt es zwischen dem Entwurf des Theaters und seiner Trivialisierung einen großen Unterschied, und der liegt in der Sprache. Die Sprache des Theaters ist nicht die unseres Alltags: Sie ist bewusst geformt, sie beobachtet genau und charakterisiert den, der sie spricht, sehr klar. Und es ist nicht nur wichtig, was jemand sagt, sondern auch, wie er es sagt: Ein Satz auf dem Theater kann ganz verschiedene Bedeutungen annehmen, je nachdem, in welchem Ton er gesprochen wird und in welchem Zusammenhang er steht. Vertrautheit mit der Sprache muss die Fertigkeit eines jeden sein, der Theater macht; und diese Vertrautheit hilft uns auch, die Welt, in der wir uns bewegen, genauer wahrzunehmen und uns leichter in ihr zurecht zu finden.

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